Neue Lagedarstellung und Recherche der Thüringer Polizei

Egal ob schnelles Bild zur Lage, kollaborative Ermittlung oder strategische Analyse auf Basis von polizeilichen Vorgängen: Übergreifende Recherchen, Karten und umfassende Datenanalysen unterstützen jetzt die tägliche Polizeiarbeit.

Neue Lagedarstellung und Recherche der Thüringer Polizei

Wo gab es wie viele Drogendelikte zu verzeichnen? Wie oft musste die Polizei wegen Raubdelikten ausrücken? Und auf welchen Straßenabschnitten kam es vermehrt zu Verkehrsunfällen? Die Daten zu diesen und vielen weiteren polizeilich relevanten Vorgängen werden in einem sogenannten Vorgangsbearbeitungssystem (VBS) erfasst. Damit ist das VBS das vielleicht wichtigste IT-Werkzeug jeder Polizeiorganisation. Im Rahmen des Gesamtprojekts „Neuausrichtung der Organisation und Verfahrenslandschaft“ (NOVa) bei der Thüringer Polizei wurde hierzu als eigenständiges Teilprojekt Ende 2015 die Einführung des Vorgangsbearbeitungssystems ComVor beschlossen. ComVor hat damit die Anwendungen zur Dateneingabe (VVW) und Formularbearbeitung (PVP) des fast 20 Jahre alten Integrationsverfahrens Polizei (IGVP) ersetzt.

Cadenza als Recherche- und Datenanalyse-Software

Für die Recherche, Darstellung und weiterführende Analyse der in ComVor und dem Einsatzleitsystem (ELS) erfassten Vorgänge wurde Cadenza eingeführt. Cadenza ist damit das neue „Recherche- und Lagedarstellungssystem“ (RLS TH) der Thüringer Polizei. Mit dem neuen RLS TH ist es nun unter anderem auch möglich, Vorgänge kartografisch darzustellen oder räumlich und zeitlich zu analysieren. Cadenza ersetzt und erweitert somit die bisherigen Möglichkeiten der Rechercheanwendung (IGWeb) des IGVP.

Die Datenanalyse-Software Cadenza ist allerdings nicht nur ein Ersatz für die in die Jahre gekommene Rechercheanwendung, sondern unterstützt die Thüringer Polizei direkt bei der Erstellung des Lagebilds sowie bei der kollaborativen Ermittlung und der strategischen Analyse. Mit einem sehr straffen Zeitplan startete das Projekt im März 2018 mit dem Ziel, das RLS TH auf Basis von Cadenza zeitgleich mit ComVor in den Live-Betrieb zu nehmen.

Abb. 1: Architektur des neuen Recherche- und Lagedarstellungssystems der Thüringer Polizei (RLS TH) auf Basis von Cadenza

Abb. 1: Architektur des neuen Recherche- und Lagedarstellungssystems der Thüringer Polizei (RLS TH) auf Basis von Cadenza

Vorgehen bei der Umsetzung des neuen RLS TH

In enger Zusammenarbeit von Polizei und Disy wurde ein agiles Vorgehen gewählt. Auf Basis der thüringischen Anforderungen an die neue Recherche und Lagedarstellung wurde zunächst ein erster Prototyp erstellt. In mehreren weiteren und eng abgestimmten Schritten wurde das System iterativ immer stärker vom initialen Prototyp bis zum finalen RLS TH angepasst. Da mit dem Start des Live-Betriebs direkt die polizeilichen Kernsysteme ComVor und ELS für Recherchen angebunden sein sollten, wurden parallel zur Umsetzung des RLS TH auch die Datenflüsse neu organisiert und als ETL-Jobs umgesetzt.

Bei der Konzeption der Lagedarstellung mussten vielfältige fachliche Anforderungen und Fragen zur Usability des Systems geklärt und berücksichtigt werden, wie beispielsweise:

  • Was soll genau in einer Lagemeldung enthalten sein?
  • Ist ein Kartenausschnitt zur Tatortadresse in einer Lagemeldung sinnvoll?
  • Wie sollen recherchierte Informationen dargestellt werden?
  • Wie soll eine Vorgangskurzauskunft aussehen?
  • Was muss mit einem Klick zugänglich sein?
  • Welchen Zeitraum soll eine Tageslage umfassen (z. B. rückwirkend 24 h ab Tastendruck, von 5-5 Uhr oder 6-6 Uhr …)?
  • Welche Informationen müssen direkt auf die Startseite?
Abb. 2: Lagedarstellung gefilterter Vorgänge im Recherche- und Lagedarstellungssystem der Thüringer Polizei (RLS TH) – Darstellung auf Grundlage fiktiver Daten

Abb. 2: Lagedarstellung gefilterter Vorgänge im Recherche- und Lagedarstellungssystem der Thüringer Polizei (RLS TH) – Darstellung auf Grundlage fiktiver Daten

RLS TH entfaltet Mehrwerte im Wirkbetrieb

Nach einer kurzen Pilot- und Testphase ist das RLS TH mit Einbindung der Daten der Geodateninfrastruktur der Thüringer Polizei (GDI-THPol) im Juli 2019 in den Wirkbetrieb gegangen. „Mit der Umstellung auf den Wirkbetrieb haben wir einen zentralen Meilenstein erreicht und das System bietet einen großen Mehrwert für die Thüringer Polizei“, sagt Herr Schaefer, der bei der Thüringer Polizei das Projekt fachlich leitete. „Wir können beispielsweise erstmals unsere Vorgangsdaten in der Karte recherchieren. Durch die teil- bis vollautomatisierte Lagebilddarstellung können wir viel Arbeitszeit einsparen. Daneben ist es für uns erstmalig möglich, individuell benötigte Lagen abzubilden. Auch die Beantwortung von parlamentarischen Anfragen ist jetzt viel einfacher und wird durch Fachanwendungen zum Markieren von lagerelevanten Vorgängen und der Erfassung von Memofeldern und Notizen unterstützt. Und das erfolgt alles unter Berücksichtigung der Vorgaben des Datenschutzes.“

RLS TH ist für zukünftige Anforderungen erweiterbar

Sowohl das Basissystem Cadenza als auch die individuelle Konfiguration für die Thüringer Polizei werden kontinuierlich weiterentwickelt, sodass auch nach der Betriebsaufnahme regelmäßig funktionale Anpassungen bzw. Fortentwicklungen vorgenommen werden können. So ist beispielsweise die Integration der neuen Cadenza-Funktionalitäten wie Dashboard, Routing und 2D-/3D-Zeitreihen geplant. Aber auch die Anbindung an die Geodateninfrastrukturen anderer Sicherheitsbehörden oder die Integration von Fach-IT-Systemen in das RLS TH ist jederzeit möglich. Damit hat die Thüringer Polizei ein modernes und flexibles System, das auch für zukünftige Anforderungen erweiterbar ist.